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Die Zukunft des Journalismus, Teil 1

Das Zeitungssterben hat den Journalismus kalt erwischt. Grund ist der digitale Wandel, der unsere Gesellschaft rasant revolutioniert. Immer mehr Leser besitzen Tablets und Smartphones. Sie informieren sich auf dem Weg zur Schule oder Arbeit online über die News des Tages – schnell und topaktuell. Was in der gedruckten Tageszeitung steht, ist für sie Schnee von gestern.

Das Resultat: sinkende Abonnenten-Zahlen. Anzeigen-Erlöse auf Talfahrt. Und der Abbau von Personal. Doch der Journalismus erwacht aus seiner Schockstarre und geht neue Wege. Die folgenden spannenden Journalismus-Trends spielen auch in Deutschland eine Rolle.

1. MoJo – mobiler Journalismus

Die Zukunft des Journalismus ist mobil. Smartphones, Tablets und Wearables wie internetfähige Uhren oder Brillen verdrängen Desktop-PCs und Laptops. Die neuen Medien und Endgeräte verändern auch die Art und Weise, wie Journalisten berichten. Und womit.

Die wichtigsten Werkzeuge sind nicht mehr Stift und Notizblock. Heutzutage greifen Journalisten für ihre digitale Berichterstattung zur Videokamera.  Oder zum Smartphone mit hochwertiger Bild- und Tonqualität. Beim „mobile Reporting“ oder mobilen Journalismus verschwimmen die digitalen Grenzen zwischen Text, Foto, Audio und Video. Ganze TV-Beiträge werden heute schon mit Smartphones gedreht – in großartiger Qualität.

Das beeinflusst auch die journalistische Ausbildung. J-Lab ist das Institut für interaktiven Journalismus an der American University in Washington D. C. Dort stehen die Produktion und das Hochladen von Web-Content (Video und Audio) ganz oben auf dem Lehrplan.

2. Multimediales Storytelling

Neue Maßstäbe in der Online-Berichterstattung setzte die New York Times (NYT) im Dezember 2012. Ihre multimediale Web-Reportage „Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ erzählt die Story eines Lawinenunglücks in 10.000 Wörtern – mitreißend, kreativ, in neuem Layout und mit unvorstellbarem Aufwand. 11 Mitarbeiter kreierten 6 Monate lang die erste multimediale Reportage.

Bis dato galt ein Feature als multimedial, wenn Videos, Bilder und Grafiken um den Text als Hauptelement herum platziert waren. Die NYT verknüpfte die multimedialen Inhalte erstmals zu einem einheitlichen Ganzen – für einen ungestörten Lesefluss. Dafür erhielten die Macher der Reportage 2013 den Pulitzer-Preis, die bedeutendste Auszeichnung für Journalisten in den USA. Heute gilt Snow Fall weltweit als Synonym für hochwertigen Multimedia-Journalismus.

Dieser Trend kam auch in Deutschland an. 2013 kürte das Online-Magazin Der Journalist z. B. die 12 besten deutschen Multimedia-Reportagen. Unter den Preisträgern:

Julius Tröger, Multimedia-Redakteur der Berliner Morgenpost, bewertet Arabellion als „ersten deutschen Snow Fall“.

3. Bürgerjournalismus

Das Internet ist ein interaktives Medium. Leser kommentieren und kritisieren dort journalistische Beiträge. Verfassen eigene Blogs über Themen, die sie interessieren. Oder berichten als Augenzeugen über Ereignisse in ihrer Nachbarschaft. Ein verwackeltes Handy-Video aus einem Krisengebiet wirkt heute unmittelbarer und authentischer als ein professioneller, sauber geschnittener TV-Beitrag.

Immer mehr Sender binden daher nutzergenerierte Videos, Berichte oder Kommentare in ihre Berichterstattung ein. Denn Reporter können nicht überall sein, wo Nachrichten und Geschichten entstehen. Journalisten haben ihr inhaltliches Vorrecht auf Geschichten längst verloren. Heutzutage können auch Laien mit der passenden App eigene Videos, Fotos, Ton-Aufnahmen und Texte professionell zusammenfügen und in ihrem Kontakt-Netzwerk veröffentlichen. Damit wächst auch ihr Bewusstsein, Teil der öffentlichen Berichterstattung zu sein. Sie agieren immer mehr als selbstbewusste und souveräne Augenzeugen, Kommentatoren und Reporter.

Die US-amerikanische Lokalzeitung The Seattle Times akzeptiert und unterstützt  diese Entwicklung. Ihre Leser kommentieren nicht nur die Zeitungsinhalte im Web, sondern erzählen ihre eigene persönliche Geschichte zu bestimmten Themen. Auch Blogger betrachtet die Seattle Times nicht als Konkurrenten. Sie schätzt sie als unabhängige Insider, die lokale Brennpunkte und Bürgerbelange kennen und darüber informieren. Diese neue Art der Interaktion zwischen Redakteuren, Bloggern und Lesern zahlt sich aus: Die Seattle Times verzeichnet seitdem deutlich mehr Seitenaufrufe.

Fortsetzung folgt am 29.4.2015

 

Quellen:

Jana Gioia Baurmann, Weeklys: Langsamer, bitte!, 13.11.2013

Stefan Heijnk, Mashup-Dienst Storify: Aus User-Reaktionen eigene Geschichten mixen, 15.2.2011

Stefan Heijnk, Wie Sie das Snowfall-Layout der New York Times auf Ihre Site bringen, 2012

Leif Kramp | Stephan Weichert, Innovationsreport Journalismus: Ökonomische, medienpolitische und handwerkliche Faktoren im Wandel, 2012, Friedrich-Ebert-Stiftung

Lorenz Matzat, Interview mit Datenjournalist Julius Tröger, 19.1.2015

Laura Hazard Owen, Byliner gone bad and the business of longform journalism on the web, 4.7.2014

Daniel-C. Schmidt, Zukunft des Journalismus: Nachrichtenmacher von nebenan, 2.7.2013

Mike Schnoor, Digitaler Wandel: Auswege aus dem Zeitungssterben?, 3.1.2013

Moritz Stückler, Multimedia-Storytelling: Diese 25 beeindruckenden Artikel musst du gesehen haben, 7.12.2013

Pauline Tillmann, Road Trip durch die USA: Auf der Suche nach den wichtigsten Medientrends, 29. Januar 2015

Vanessa Wormer, Wie unser Talkie zur Operation Sawfish entstand