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Lassma krass sprechen: Kiezdeutsch in aller Munde

Man hört’s im Bus. An der Supermarktkasse. Und auf Schulhöfen. Kiezdeutsch – die Sprache der Jugendlichen, vorzugsweise zu Hause in Großstädten und Vierteln mit hohem Migrantenanteil. Was vielen Eltern und Lehrern die Haare zu Berge stehen lässt, bejubeln Sprachwissenschaftler als neuen Dialekt. Wer hat Recht?

Um den Kritikern gleich zu Anfang die Hoffnung zu nehmen: Aufhalten kann man Kiezdeutsch nicht. Und verschwinden wird es auch nicht einfach so – dafür ist es bereits zu etabliert. Das erste Mal wurde Kiezdeutsch Anfang der 90er Jahre erwähnt. Als Konsequenz auf die multikulturelle Zusammensetzung vieler Berliner Stadtteile entwickelten Jugendliche damals eine Art Gemeinschaftssprache. Begriffe aus unterschiedlichen Sprachen und Kulturen flossen mit ein, grammatische Regeln wurden vereinfacht, Satzstellungen verändert. Es dauerte nicht lange, bis die neue Jugendsprache auch auf andere deutsche Großstädte hinüberschwappte. Da hängten urbane Jugendliche plötzlich ein arabisches „Wallah“ (= „echt“) ans Satzende, nannten einander „Lan“ (türkisch für „Kerl“) und verabredeten, nach der Schule „noch Eisdiele zu gehen“. Schnell schlugen die Sprachwächter Alarm. Von Sprachverfall war die Rede. Kanak Sprak. Und überhaupt, wer so falsches Deutsch spreche, sei ja wohl ungebildet. Basta. Stimmt nicht, sagt Professorin Heike Wiese. Die Sprachwissenschaftlerin erforscht die Jugendsprache und hat im Februar das erste offizielle Kiezdeutsch-Buch veröffentlicht.

Straßensprache mit festen Regeln

In „Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt entsteht“ beschreibt Wiese die Regeln der Jugendsprache. Die gibt es nämlich durchaus. So gilt zum Beispiel „Danach ich treff mich mit Sarah“ im Jargon als richtig, „Ich danach treff mich mit Sarah“ jedoch als falsch. Und man kann problemlos ankündigen „Ich geh Stadtpark“, aber nicht „Ich geh Sarah“.

Weniger Artikel und Pronomen, zusammengezogene Wörter, kaum Flektionen – klingt nach einer rudimentären und primitiven Zurückentwicklung der deutschen Sprache. Tatsächlich tummeln sich jedoch auch im vermeintlichen Standarddeutsch jede Menge Vereinfachungen. So formuliert kaum jemand förmlich „Hast du ein Handy“, sondern verkürzt zu „Hast du ‘n Handy?“. Und niemand wird schief angeschaut, wenn er im Bus angibt „Ich steig Rosenallee aus“.

Was guckst du, bin isch Kino?

Wenn aber Kiezdeutsch nur ein harmloser Dialekt ist, warum hacken dann alle darauf herum? Seinen schlechten Ruf hat Kiezdeutsch durch vielzitierte Klischee-Sprüche wie „Isch mach disch Messer“. Auch die Heimat des Dialekts in sozialen Brennpunkten trägt zum schlechten Image bei. Ein wirkliches Problem ist Kiezdeutsch jedoch nur, wenn es zur Sprachbarriere wird – im Umgang mit Eltern, Lehrern und Arbeitgebern. Natürlich spricht kein Jugendlicher ausschließlich Kiezdeutsch. Viele beherrschen neben dem Standarddeutschen sogar noch eine weitere Sprache, zum Beispiel Türkisch oder Arabisch. Wenn jedoch in der Schule untereinander nur „krass gesprochen wird“, verstehen Lehrer oft nur Bahnhof. Das Infoportal www.kiezdeutsch.de ruft aus diesem Grund dazu auf, Jugendsprache im Unterricht zu thematisieren. Das gemeinsame Projekt des Lehrstuhls für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt neben umfassenden Informationen zur Entwicklung von Kiezdeutsch Anregungen für den Grammatikunterricht zur Verfügung.

Kiezdeutsch für alle und deine Mudder?

Ziel der Initiative ist es nicht, Lehrer und Eltern dazu zu bringen, Kiezdeutsch zu reden. Aus dem Mund von Erwachsenen hört sich die Jugendsprache mehr als lächerlich an – man stelle sich vor, die Autorin dieses Beitrags verkünde vor Kollegen „Bin isch Texter, hab isch Artikel geschrieben!“. Dennoch sollten Erwachsene, die viel mit Jugendlichen in Kontakt kommen, sich mit dem Phänomen Kiezdeutsch auseinandersetzen. Im Gegenzug ist es für Jugendliche unerlässlich, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann ihre Sprache angebracht ist und wann nicht. Denn die Vorurteile gegenüber Kiezdeutsch sind nach wie vor so stark, dass ein Ausrutscher in den Jargon beim Bewerbungsgespräch im Extremfall sogar den Job kosten könnte.

Quellen:
  • kiezdeutsch.de