Was sind Barrierefreiheits-Tools und wie funktionieren sie?

Barrierefreiheits-Tools, sogenannte Overlay-Tools, sind Softwarelösungen, die meist per JavaScript als eine Art „Schicht“ über eine bestehende Website gelegt werden. Sie bieten Nutzer*innen Funktionen wie Kontrast-Anpassungen, größere Schrift, Vorlesefunktionen oder Navigation per Tastatur – alles, ohne dass das ursprüngliche Design oder der Programmiercode geändert werden müssen. Manche Tools können dank künstlicher Intelligenz sogar passende Alt-Texte für Bilder ausgeben, zu denen noch keine hinterlegt wurden. Gerade für Unternehmen mit bestehenden Webauftritten klingt das alles verlockend: eine schnelle Lösung für ein komplexes Problem. Und die Anbieter*innen solcher Technologieprodukte am Markt nehmen deutlich zu.

Welche Vorteile bieten Overlay-Tools auf den ersten Blick?

Overlay-Tools versprechen eine einfache und schnelle Implementierung. Kein großer Umbau der Website, kein langwieriges Re-Design ist erforderlich. Digitale Barrierefreiheit folgt heute über 80 technischen Anforderungen und Normen. Da spart ein technisches Tool viel Geld und Aufwand. Außerdem demonstrieren Overlay-Tools sichtbar auf der Website, ein Bewusstsein für Barrierefreiheit, was besonders im Kontext von Corporate Social Responsibility (CSR), Nachhaltigkeit und Diversität gut ankommt.

Kurzum: Schnelle Installation, niedrige Einstiegskosten, eine (vermeintlich) barrierefreie Website und ein sichtbares Signal in Richtung Inklusion sprechen eindeutig für Overlay-Tools. Außerdem setzen namhafte Unternehmen, wie Toshiba, die HypoVereinsbank oder Beyond Meat ebenfalls solche Tools ein. Muss dann ja schließlich gut sein, oder? Doch die Realität ist komplexer.

Welche Probleme gibt es bei Overlay-Lösungen?

Der größte Kritikpunkt: Overlay-Tools können echte Barrieren nicht wirklich beseitigen. Sie überdecken sie nur und das häufig mit fragwürdigen Ergebnissen. Menschen mit Einschränkungen berichten regelmäßig von Inkompatibilität mit ihren eigenen technischen Hilfsmitteln. Teilweise wird die Nutzung durch Overlays sogar erschwert oder blockiert. Oder sie sind im Grunde überflüssig, da sie bereits in Browsern verfügbar sind. Einige Overlays versuchen, Barrieren automatisch beim Laden der Website zu beheben ­­– oft unzuverlässig und ebenfalls potenziell störend für assistive Technologien der Anwender*innen.

Zudem verlassen sich Unternehmen gern auf die Aussage der Tool-Anbieter*innen, dass ihre Website „jetzt barrierefrei“ sei. Doch das kann teuer werden. Rechtlich, wenn es zu Abmahnungen kommt, oder imagebezogen, wenn Betroffene öffentlich Kritik üben.

Ein Statement der International Association of Accessibility Professionals (IAAP) bringt es auf den Punkt: „Overlay-Tools können unterstützend wirken, aber sie ersetzen niemals die Notwendigkeit, eine Website barrierefrei zu programmieren.“

Overlay-Tools bieten keine vollständige Anpassung struktureller Barrieren im Code. Eine logische und semantisch korrekte Überschriften-Struktur zum Beispiel ist und bleibt Handarbeit. Darüber hinaus gilt es, wie bei jedem externen Anbieter, die DSGVO-Konformität zu prüfen. 

Was sagen „Betroffene"? Fühlen sich Nutzer*innen mit Behinderungen dadurch wirklich unterstützt?

Die Rückmeldung aus der Community ist teilweise ernüchternd. Viele Menschen mit Beeinträchtigungen empfinden Overlays als Bevormundung oder sogar als Störfaktor, insbesondere wenn sie die eigenen technischen Hilfsmittel stören. Einige Organisationen, wie die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik, warnen sogar ausdrücklich vor dem Einsatz solcher Tools als alleinige Maßnahme.

Sind Barrierefreiheits-Tools rechtlich gesehen ausreichend?

Kurz gesagt: nein. Die Anforderungen der EU-Richtlinie über die Barrierefreiheit digitaler Inhalte (Web Accessibility Directive) und des deutschen Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) lassen sich nicht mit einem Tool „nachrüsten“. Ein fehlendes barrierefreies Grundgerüst bleibt aus oben genannten Gründen und Schwachstellen eine juristische Baustelle – auch mit Overlay.

Welche Alternativen gibt es – und was ist wirklich nachhaltig?

Die einzig nachhaltige Lösung ist eine barrierefreie Website von Anfang an. Das bedeutet: sauberes HTML, semantisch strukturierter Code, ausreichende Farbkontraste, bedienbare Formulare, Alt-Texte für Bilder, barrierefreie Pdfs, sofern sie zum Download angeboten werden, und so weiter. Das kostet zwar mehr Zeit und auch Budget, doch es ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit der Marke. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt, sondern Teil einer inklusiven digitalen Strategie. Wer das von Anfang an berücksichtigt, spart sich langfristig Ärger, Kosten und Imageschäden.

Also: Brauchen wir Barrierefreiheits-Tools oder echte Barrierefreiheit?

Die Frage impliziert eigentlich schon die richtige Antwort. Overlay-Tools mögen kurzfristig attraktiv wirken, doch sie sind kein Ersatz für echte, tiefgreifende Barrierefreiheit. Sie kaschieren Probleme, ohne sie zu lösen. Wer es ernst meint mit digitaler Inklusion – und das sollten alle Unternehmen tun – kommt nicht umhin, Barrierefreiheit von Grund auf mitzudenken, umzusetzen und die eigenen Redakteur*innen dafür zu sensibilisieren und entsprechend zu schulen.

Oder wie man in der Webentwicklung sagt: Accessibility is not a feature. It’s a requirement.

Quellen:

iaap-dach.org

bfit-bund.de/

barrierefreiheit.online

dbsv.org

bfit-bund.de

Mandy ist extrem flexibel. Kein Wunder – die studierte Online-Marketing-Fachwirtin hat 13 Jahre Kunstturn-Erfahrung. So wundert es nicht, dass sie den Spagat zwischen mehreren Experten-Rollen problemlos wuppt. Neben Unternehmenskommunikation und Personalmarketing ist Mandy bei New Communication auch für Marketing-Strategie und SEO-Projekte zuständig. Ganz nebenbei mischt sie noch im Management-Team mit. Sportlich, sportlich …

Relevante Fachartikel

Sprintendes grünes Smartphone mit Armen, Beinen und Augen beim Hürdenlauf

25.06.2025

Free the Socials: Barrierefreiheit auf Social Media

Wer inklusiv postet, kommuniziert mit Zukunft. Nichtsdestotrotz ist Barrierefreiheit in den sozialen Medien für viele Nutzer*innen weiterhin unbekanntes Terrain – und das, obwohl sie die Voraussetzung für digitale Teilhabe in unserer Gesellschaft schafft. Digitalberaterin Mareike zeigt in ihrem Fachartikel, welche Barrieren stetig auf Social Media lauern, wie Creator*innen und Unternehmen ihre Inhalte zugänglicher gestalten können und welche positiven Auswirkungen inklusives Posten auch auf das Marketing haben kann.

Grafik einer inklusiven Website

11.06.2025

Nieder mit den Barrieren: Zeit für inklusive Websites

Digitale Barrierefreiheit ist kein Nice-to-have mehr, sondern Pflicht! Ab Ende Juni 2025 verlangt das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), dass viele Unternehmen ihre Websites für alle zugänglich machen – ganz ohne fremde Hilfe. Mit smartem Design, einfachem Code und verständlichen Inhalten kannst auch du für Inklusion im Netz sorgen, Traffic generieren und deine Marke stärken. Von schnellen Checks bis zu praktischen Tipps für Content, Design und Technik – Digitalberater Neels gibt uns ein Update.

weiße Tastatur mit blauen Tasten, die barrierefreie Symbole anzeigen

05.02.2025

Barrierefreiheit. Voraussetzung. Nicht Feature.

Menschen sind verschieden. Unikate von Grund auf. So auch ihre individuellen körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Inklusives Marketing, das barrierefrei ist und 100 % der Menschen einschließt, spricht alle von ihnen an. Denn, wenn wir es ganz genau nehmen, sind Menschen nicht per se beeinträchtigt – sie werden es hauptsächlich durch die äußeren Umstände. Inklusives Marketing öffnet für manche nicht nur Tore, sondern erweitert den Horizont für alle.

Heiß auf Insider-Infos?

Immer up to date: Unser Newsletter versorgt dich einmal monatlich mit brandneuen Trends und Innovationen aus der Kommunikationswelt.

Newsletter bestellen