Trotz des demografischen Wandels steigen die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich. Gründe dafür gibt es einige: eine schwache Konjunktur, aber auch Berufsfelder, die sich durch fortschreitende Digitalisierung und KI radikal verändern oder zunehmend verschwinden werden.
Die Frage lautet nun: Kehrt der Arbeitsmarkt zurück zu seiner alten Form, in der Arbeitgeber*innen wieder am längeren Hebel sitzen, oder verdichtet sich der Mangel an Fachkräften nur und führt zu einem umso härteren Wettbewerb um künftige Mitarbeiter*innen? Genau an diesem Punkt gewinnt eine gut konzipierte Candidate Journey an Bedeutung. Sie wird zum Kompass, der Unternehmen durch unruhige Zeiten führt.

ARBEITSLOSENQUOTE HÄLT SICH 2025 ÜBER 6 %
Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtzahl der zivilen Erwerbspersonen in Deutschland (in %)

Was eine gute Candidate Journey leisten kann
Die Candidate Journey beschreibt den gesamten Weg, den ein*e Bewerber*in von der ersten Begegnung bis zur langfristigen Bindung an ein Unternehmen (Antritt des Arbeitsverhältnisses) durchläuft. Sie ist weit mehr als ein Buzzword. Ihr Wert liegt in der Flexibilität: Sie lässt sich auf Branchen, Märkte und spezifische Unternehmenssituationen anpassen. Damit wird sie zu einem strategischen Werkzeug, das Antworten auf die Unsicherheiten im gesamten Personalmarketing-Spektrum des Jahres 2026 geben kann.
Phase 1: Anziehung
In der Anziehungsphase muss sich jedes Unternehmen die Frage stellen, wen man überhaupt für sich gewinnen will. Hier müssen viele zwangsweise neue Zielgruppen erschließen, da der Kampf um die junge, loyale, eierlegende Wollmilchsau kaum gewonnen werden kann, wenn man sich mit den Großen der Branche messen muss. Während viele Unternehmen noch immer ausschließlich auf junge Fachkräfte schielen, muss sich 2026 ein neues Feld öffnen: Menschen über 60. „Das graue Gold“, wie manche Personaler*innen witzeln. Aber im Ernst: Das Thema Longevity rückt stärker ins öffentliche Bewusstsein, und die Zahl der Menschen in Deutschland, die über das Rentenalter hinaus arbeiten, wächst stetig. Unternehmen, die diesen (Silber-)Schatz heben, können wertvolle Erfahrungen und Loyalität gewinnen. Befeuert wird dieser Trend in den kommenden Jahren durch Anreize, die die Politik schaffen wird. Diskussionen über eine Aktivrente zeigen, in welche Richtung sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird.
Mehr zum Thema Longevity findet ihr in unserem Artikel darüber.
Ein zweiter Blick gilt dem zunehmend wachsenden Pool an Arbeitslosen. Die Antwort auf die Frage, ob dieser eine Chance für Unternehmen ist, muss mit einem klaren „Jein“ beantwortet werden. Nicht jede Person passt zu jedem Job. Was häufig bei der Kandidat*innen-Suche in den Fokus rückt, sind Hard Skills – also erlernbare Fachkompetenzen. Vernachlässigt werden häufig die Soft Skills – die Persönlichkeit, die mit in das Unternehmen gebracht werden kann. Arbeitgeber*innen müssen sich die Frage stellen, ob der Fokus anders gesetzt werden muss. Hard Skills können vermittelt, entwickelt und ausgebaut werden. Das trifft auf die Softskills nur eingeschränkt zu. Ein Arbeitslosenmarkt, auf dem 3 Millionen Menschen sind, hat definitiv das Potenzial, die Unternehmen mit Menschen zu bereichern, die eine bestimmte Persönlichkeit mitbringen. Der Rest, also das nicht minder wichtige Fachliche, kann gelernt werden. Es lohnt sich also, mit gezielten Quereinstiegs-Programmen Menschen zu fördern, die Potenzial, aber nicht den klassischen Lebenslauf mitbringen.

Phase 2: Interesse wecken
Sobald Aufmerksamkeit entsteht, entscheidet Glaubwürdigkeit über den weiteren Verlauf. Punkt. Authentizität ist das Schlüsselwort: Overpromising rächt sich spätestens in der Probezeit. Eine starke Employer Brand ist hier nötig. Eine, die nahbar wirkt. User Generated Content von Mitarbeitenden, kleine Einblicke hinter die Kulissen, Geschichten aus dem Alltag: Sie machen ein Unternehmen greifbar, sympathisch und führen letztlich dazu, dass Kandidat*innen zu Bewerber*innen werden.
Technisch kann das auch bedeuten, Karriereseiten vom klassischen Corporate Design zu lösen. Unternehmenswebsites sind oftmals gefangen in ihrem CD, das sich an Endkunden richtet. Absatz und Vertrieb stehen hier an erster Stelle. Doch Kandidat*innen sind eine separate Zielgruppe, die es anders zu erreichen gilt. Während Kund*innenseiten Produkte verkaufen, sollen Karriereseiten Emotionen wecken, Orientierung bieten und Kandidat*innen einladen. Eine separierte Karriereseite, die sich vollkommen dem Gewinnen neuer Kolleg*innen verschrieben hat, kann ein Lösungsansatz sein.
Phase 3: Bewerbung
Der eigentliche Bewerbungsprozess ist ein vergleichsweise kleiner und schnell abgearbeiteter Punkt in der Candidate Journey. Sollte man meinen. Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail. Häufig hapert es schon an den simpelsten Dingen.
Bewerber*innen können nur ein PDF hochladen und dieses darf nicht größer sein als 3 MB. Eine automatisierte Eingangsbestätigung gibt es nicht und bis sich endlich jemand meldet, vergehen Tage, wenn nicht gar Wochen. Oftmals hilft es bereits, den Bewerbungsprozess selbst zu testen. Dabei fallen die gravierendsten Mängel direkt auf. Perspektivwechsel ist hier also gefragt.
Phase 4: Auswahl
Im Selektionsprozess entscheidet nicht nur der Lebenslauf, sondern auch die Atmosphäre. Der „Vibe“, wie die Gen Z sagen würde. Fehlende Sympathie und unangenehme Bewerbungsgespräche sind häufig die Ursache für abgebrochene Bewerbungsverfahren. Unternehmen, die ihre Auswahlteams bewusst zusammenstellen, schaffen ein Abbild ihres Miteinanders. Kandidat*innen spüren schnell, ob Teamgeist herrscht oder Hierarchien dominieren. Ein eingespieltes Team vermittelt den Spirit des Unternehmens und macht Lust auf mehr. Genauer: auf eine gemeinsame Zukunft.
Phase 5: Preboarding
Hat sich ein*e Kandidat*in entschieden, beginnt die oft unterschätzte Zeit zwischen Vertragsunterschrift und erstem Arbeitstag. Hier zeigt sich, wie gut die Personalabteilung zuhört und versteht. Welche Informationen braucht ein Neuling? Welche Unterstützung nimmt Sorgen? Job Ghosting, das Abtauchen frisch gewonnener Teammitglieder, lässt sich so effektiv vermeiden. Ein durchdachtes und gut umgesetztes Preboarding ist nicht nur ein vermeintlicher „Ghostbuster“, sondern wirkt sich auch positiv auf die Wahrnehmung und die Employer Brand aus.


Phase 6: Onboarding
KI wird im Jahr 2026 nicht nur als Bedrohung für die eigene Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch als wertvolles Werkzeug verstanden. Ein Onboarding-Bot, der individuelle Fragen beantwortet, Lernmodule zusammenstellt und Ansprechpartner*innen vermittelt, kann den Einstieg enorm erleichtern. Ergänzend lassen sich digitale Zwillinge bspw. in Form von virtuellen Rundgängen einsetzen, die Mitarbeitende spielerisch an Prozesse, Tools und Kolleg*innen heranführen. Entscheidend bleibt jedoch, dass KI die Personalabteilung nicht ersetzt, sondern entlastet – damit mehr Zeit für das Persönliche bleibt.
Phase 7: Bindung
Die wahre Stärke einer guten Candidate Journey zeigt sich nach dem Onboarding. Bindung ist kein Selbstläufer. Klassische Benefits sind inzwischen austauschbar geworden, weil Unternehmen sich gegenseitig kopieren. Erfolgreiche Arbeitgeber setzen 2026 auf passgenaue Angebote. Und manchmal sind es fehlende Basics, die den wirklichen Unterschied machen: der Zuschuss zum Mittagessen, die flexible Kinderbetreuung oder schlicht die Kaffeemaschine im Büro können stärker wirken, als ein Abklatsch der Benefits von konkurrierenden Unternehmen.
Ebenso gewinnt die soziale Einbettung an Bedeutung. Wer Familie und Freund*innen in das Arbeitsleben integriert – etwa mit einem Tag der offenen Tür –, schafft Verständnis und Rückhalt im privaten Umfeld. Ebenso wichtig ist die Partizipation: Mitarbeitende, die in Entscheidungen eingebunden sind, identifizieren sich stärker mit ihrem Unternehmen. Wertschätzung wird so zum Fundament der Bindung.
Erfolgsfaktoren für Bindung
• Benefits individuell auswählen
• Familie und Umfeld einbeziehen
• Mitarbeitende an Entscheidungen beteiligen
• Wertschätzung sichtbar leben
Fazit
Eine gute Candidate Journey ist 2026 kein „Nice-to-have“, sondern eine strategische Notwendigkeit. Sie bietet Orientierung in einem Arbeitsmarkt, der von Widersprüchen geprägt ist: Steigende Arbeitslosigkeit trifft auf Fachkräftebedarf – ein Paradoxon, das mithilfe einer durchdachten Candidate Journey aufgelöst werden kann. Unternehmen, die die einzelnen Phasen bewusst gestalten, werden nicht nur passende Kandidat*innen finden, sondern sie auch langfristig halten.
Die entscheidende Erkenntnis lautet: Es geht nicht nur um Benefits oder Bots, sondern vor allem um Haltung. Authentizität, Nähe und individuelle Begleitung machen den Unterschied. Der Arbeitsmarkt mag sich wandeln, die Candidate Journey bleibt jedoch der verlässlichste Weg, um die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammenzubringen.
Häufige Fragen und Antworten zur Candidate Journey
Die Antworten auf die wichtigsten Fragen findet ihr hier:
Was ist eine Candidate Journey?
Die Candidate Journey beschreibt den gesamten Weg, den Bewerber*innen vom ersten Kontakt mit einem Unternehmen bis zum Einstieg und darüber hinaus durchlaufen. Sie umfasst Phasen wie Aufmerksamkeit, Interesse, Bewerbung, Auswahl, Preboarding, Onboarding und langfristige Bindung. Unternehmen nutzen die Candidate Journey, um jeden dieser Kontaktpunkte bewusst zu gestalten und so ein positives Bewerbungserlebnis zu schaffen.
Warum wird die Candidate Journey für Unternehmen immer wichtiger?
Der Arbeitsmarkt befindet sich im Wandel: Trotz steigender Arbeitslosigkeit bleibt der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte hoch. Eine strukturierte Candidate Journey hilft Unternehmen dabei, Talente gezielt anzusprechen, Bewerbungsprozesse zu verbessern und Kandidat*innen langfristig zu binden. Sie wird damit zu einem strategischen Instrument im Recruiting und Employer Branding.
Welche Rolle spielen Employer Branding und Authentizität in der Candidate Journey?
Eine starke Employer Brand sorgt dafür, dass Kandidat*innen ein realistisches und glaubwürdiges Bild eines Unternehmens erhalten. Authentische Einblicke in den Arbeitsalltag, etwa durch Mitarbeitenden-Content oder Geschichten aus dem Team, stärken Vertrauen und Interesse. Wer Erwartungen ehrlich kommuniziert, reduziert Enttäuschungen im Bewerbungsprozess und erhöht die Chance auf langfristige Mitarbeiterbindung.
Wie können Unternehmen ihre Candidate Journey konkret verbessern?
Unternehmen sollten alle Kontaktpunkte aus Sicht der Bewerber*innen betrachten und regelmäßig testen. Dazu gehören eine verständliche Karriereseite, einfache Bewerbungsprozesse, schnelle Rückmeldungen sowie ein strukturiertes Preboarding und Onboarding. Auch individuelle Benefits, Wertschätzung im Arbeitsalltag und die Einbindung der Mitarbeitenden in Entscheidungen stärken die langfristige Bindung.
Dieser Artikel ist Teil unseres Trendspot 2026.
Quellen:
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