Warum gute Ideen oft scheitern ­– und wie Systems Thinking hilft

Ganzheitlich Denken, raus aus dem Silo, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Diese Metaphern stehen sinnbildlich für den Versuch, Probleme nicht isoliert, sondern im größeren Zusammenhang zu lösen.

In der Vergangenheit haben sich daher Vorgehensmodelle wie das „Business Model Canvas“ von Alexander Osterwalder für Updates von Geschäftsmodellen oder Methodensammlungen wie das „Design Thinking“ von IDEO insbesondere für Fragen der User-Experience etabliert. Aber ganz von vorn.

VUCA war gestern – warum das BANI-Modell heute relevanter ist

Das seit Anfang der 2000er Jahre verbreitete VUCA-Erklärungsmodell (Volatilität, Uncertainty, Complexity, Ambiguität) beschrieb eine globalisierte und digitalisierte Wirtschaftswelt. Schön und gut. Jedenfalls für dieses Zeitalter.

Das Modell wird jedoch seit den 2020er Jahren vom BANI-Modell (Brittle, Anxious, Nonlinear, Incomprehensible) abgelöst. Denn es berücksichtigt im „Zeitalter des Chaos“ (Jamais Cascio) zusätzlich Entwicklungen und Unvorhersehbarkeiten. Zumindest versucht es das.

Vom Buzzword zur Methode – was bedeutet Systems Thinking eigentlich?

Systems Thinking bedeutet, Probleme nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext eines größeren, miteinander vernetzten Systems.

Jedem fundierten Lösungsweg geht eine sorgfältige Analyse des Status Quo voraus. Und das ist im Wesentlichen auch schon die Grundlage. Ein Problem wird nicht einfach als lineare und lokale Ursache-Wirkung-Beziehung gesehen, sondern stets als ein vernetztes Element in einem komplexen System identifiziert.

Alles hängt mit allem zusammen. Wie ein Puzzle. Eine Entscheidung in einem Bereich kann ungewollte Folgen in einem anderen auslösen. Und oft gibt es mehrere Faktoren, die zu einem bestimmten Verhalten führen. Werfen wir dazu einen Blick auf die Kernaspekte des System Thinking.

Die 6 Grundprinzipien des Systems Thinking

  1. Ganzheitlich denken
    Im Marketing ist eine Maßnahme idealerweise in eine Strategie eingebettet. Diese zahlt wiederum mit früheren, folgenden und parallelen Maßnahmen auf die gleichen Ziele ein oder bereitet auf diese vor. Fragt euch: In welchem größeren Universum fliegt unser Produkt, unsere Kampagne oder auch unser Team? Hier lohnt auch immer ein Blick auf bestehende und mögliche Produkte, Dienstleistungen, Trends, Personal, Stakeholder, Geschäftsmodelle, Prozesse und Technologien.
  2. Dynamik verstehen
    Systeme verändern sich. Eine Strategie kann in mehrere Phasen aufgeteilt werden, wenn sich das finale Ziel nicht in einem Schritt erreichen lässt. Fragt euch: Kommen Veränderungen auch von außen? Welche Markt- und Technologie-Einflüsse wirken auf unser Unternehmen oder unsere Produkte? Behaltet relevante Trends im Auge.
  3. Feedbackschleifen nutzen
    Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Prüft nach jeder Phase, ob und wie Zwischenziele erreicht wurden. Fragt euch: Hat sich das Gesamtsystem irgendwo verändert und wenn ja: wie? Welche Rückkopplungseffekte müssen wir jetzt ggf. für die nächsten geplanten Phasen neu berücksichtigen? System verändern, System messen, nächste Schritte planen.
  4. Wechselwirkungen erkennen
    Ein Versprechen aus der Social Media Kampagne muss auch auf der Website, beim Kundenservice und im Produkt eingelöst werden. Nur dann entsteht ein stimmiges Erlebnis. Fragt euch: Wie stehen die Einzelteile in Verbindung und welche Interaktionen finden statt? Passen alle Teile unserer Kommunikation zueinander und zum Versprechen meiner Marke? Ist das Team auf vermehrte Nachfragen eingestellt?
  5. Muster und Trends identifizieren
    Verhaltensmuster oder wiederkehrende Probleme im System zeigen, wo Handlungsbedarf besteht. Als Beispiel: Wenn nach jeder Preisaktion die Kundenzufriedenheit sinkt, steckt möglicherweise mehr dahinter. Fragt euch: Lassen sich möglicherweise Muster oder Trends anhand des Verhaltens ausmachen? Welche sind das, wie reagiert das System nach innen, aber auch nach außen? Welche Ursache steckt dahinter?
  6. Nachhaltige Lösungen schaffen
    Ein besonderer Aspekt liegt in der Berücksichtigung langfristiger Auswirkungen von Entscheidungen und Aktionen. Beispielsweise: Design-Systeme, die dafür sorgen, dass Websites und Materialien langfristig konsistent und effizient aufgebaut werden können. Fragt euch: Was bewirkt meine Entscheidung in 6 Monaten, oder in 2 Jahren?

Fazit:

Systems Thinking hilft also, komplexe Herausforderungen wirklich zu verstehen und sie nicht nur oberflächlich zu lösen. Bei New Communication setzen wir bewusst auf flache Hierarchien und kurze Wege zwischen verschiedenen Fachkompetenzen, speziellem Branchenwissen und interdisziplinäre Teams, um unterschiedliche Blickwinkel von Anfang an einzubeziehen.

Unser Tipp: Holt euch Kolleg*innen aus anderen Bereichen dazu. Sei es UX, Vertrieb, HR oder IT. Gemeinsames Denken schafft bessere Ergebnisse. Hand aufs Herz. Kennt ihr euren Blind Spot? Oft übersehen wir genau das, was außerhalb unserer gewohnten Perspektive liegt. Systems Thinking kann diese blinden Flecken aufdecken. Und das noch bevor sie zum Problem werden. Denn nicht nur mit Verstand, sondern auch mit Verständnis trefft ihr bessere Entscheidungen.

Quellen:

M. G. Arnold, „Systemisch Denken und Handeln in Richtung Nachhaltigkeit: Wertewandel, Strategien, Innovationen, Konsum“, Springer 2024

J. Cascio „Facing the Age of Chaos“, Medium 2020

J. Cascio, „Is Bani the new VUCA?“

A. Osterwalder, Y.Pigneur „Business Model Generation“, Wiley 2010

L. Lungershausen „Innovation Plug & Play“, mitp 2021

Lutz ist Creative Director und Innovationsmanager bei New Communication. Seit Agentur-Gründung sorgt er für öffentliches Aufsehen mit wegweisenden Designs und Interfaces. Nebenbei lebt er seine Typographie-Leidenschaft aus. Definiert Corporate Designs. Leitet Kreativ-und Innovationsworkshops. Ist mehrfacher Fachbuch-Autor. Und generiert systematisch Ideen im Sekundentakt. Während Sie diesen Text lesen, waren es übrigens 15 neue.

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