Das Ende des Mainstreams

Die Zeiten der einen großen, gesamtgesellschaftlichen Lebens-, Medien- und Meinungsrealität sind vorbei. Sicher, das Publikum war immer einigermaßen divers, aber zumeist hat es immerhin in dieselbe Richtung gesehen.

Der Bedeutungsverlust klassisch-linearer Lagerfeuermedien und die vielfachen Unterhaltungs- und Informationsangebote der Digitalisierung führen zu einer fortlaufenden Fragmentierung von Lebensrealitäten, Aufmerksamkeitsspektren sowie Kultur- und Meinungsbildern. Mitunter so weit auseinander und polarisiert, dass sich regelrechte Antagonismen herausbilden.

Was das für Marken bedeutet? Zwischen den Fronten kann der Wind ziemlich rau werden. Jedem Posting wohnt bereits der Keim eines Shitstorms inne. Kurzatmige Trends und Gegentrends jagen einander, ohne dabei wirkliche Orientierung zu liefern.

Marken bewegen sich 2026 zwischen Polarisierung und Balance. Während einige Unternehmen radikal in neue Technologien und Sinnorientierung investieren, setzen andere bewusst auf das Gegenteil – Klarheit, Reduktion oder echte Erlebnisse.

Was erfolgreiche Markenführung 2026 ausmacht? Instinkt, kulturelles Gespür und qualitative Einsichten, wo Technologie an menschliche Grenzen stößt.

 

Schreiende Menschen auf Demonstration

Der Ton wird immer schärfer. Auf der Straße, in den Socials – selbst vor Werbeplakaten oder Supermarktregalen.

(©istockphoto.com/FG Trade)

Zwischen Hyperpersonalisierung und Digital Detox

Die Ambivalenz des Marketing-Jahres 2026 durchzieht alles. Einerseits entfalten KI und Datenanalyse ihre volle Wucht: Hyperpersonalisierung wird zur Leitwährung. Algorithmen durchleuchten Kaufhistorien, Browser-Spuren, sogar Stimmungslagen und erzeugen so in Echtzeit maßgeschneiderte Erlebnisse, die mehrere Sinne zugleich ansprechen. Markenräume werden simuliert, Düfte und Lichtwelten auf individuelle Profile abgestimmt, Spotifys KI-DJs sprechen Konsument*innen mit Namen an – und stimmen Songs auf Puls und Tageszeit ab. Die Verheißung: totale Resonanz, eine maßgeschneiderte Parallelwelt für jede*n Einzelne*n.

Doch wo alles individuell kuratiert wird, wächst die Sehnsucht nach dem Allgemeinen. Wenn jede*rKonsument*in in ihrer eigenen, maßgeschneiderten Resonanzblase lebt, wird das Gemeinsame zum neuen Luxusgut. Mit der Flut an synthetischen Inhalten steigt auch die Skepsis: Was ist echt, was ist generiert? Premiumzielgruppen wenden sich bewusst einfachen, greifbaren Dingen zu: Haptik, Handmade, Unperfektem. So setzen einige Retailer direkt auf Stille, klare Regale, echte Menschen. Anti-Branding wie bei Muji, die Langsamkeit von Aesop oder die Reduktion bei Patagonia gewinnen neue Strahlkraft: Nicht das Mehr zählt, sondern das Weniger, das Authentische.

Zwischen Remote Freedom und Live Events

Es ist flexibel, bequem und in vielen Fällen auch ein massiver Effizienzgewinn: Immer mehr Unternehmen setzen auf durchdigitalisierte und automatisierte Sales-Kaskaden, Videokonferenzen statt persönlicher Meetings, Webinare statt Präsenz-Workshops und einen durchweg digitalen Kommunikationsfunnel. Aus Cold Calls und Handelsreisen sind an vielen Stellen Zoom-Calls und LinkedIn-Postings geworden. Und auch KI wird hier keine unerhebliche Helferin. Außerdem: Nicht nur für Arbeitnehmer*innen ist Remote-Arbeit ein nettes Asset, auch im B2B-Bereich gewinnt der Ansatz digitaler Ortsunabhängigkeit laut McKinsey nicht nur Akzeptanz, sondern wird zum Wachstumsmotor.

Die Kehrseite? Wo analoge Präsenz fehlt, fehlen auch persönliche Begegnungen. Spürbar. Und während die einen, ihren Weg aus der analogen in die digitale Welt suchen, gibt es andere primär digitale Player, die den umgekehrten Kurs einschlagen. Online-Shopping-Riese Zalando setzt plötzlich auf physische Fashionshows, die Gamescom verzeichnet als Gaming-Messe Rekordbesucher*innen-Zahlen und auch Streaminganbieter Netflix ist vor Ort, um neue Shows zu promoten. Und auch die Live-Events und Fantreffen der Streaming- und Creator-Prominenz von Twitch und TikTok ziehen Tausende hinaus aus den eigenen vier Wänden.

Trotz (oder gerade wegen) der Digitaldominanz und der Flut an generischen Inhalten erleben Messen, Roadshows und Community-Events ein Comeback. Als Orte der Echtheit. Laut einer aktuellen Befragung der Deutschen Messewirtschaft (AUMA) halten 99,5 % der Unternehmen an Präsenzmessen fest; 81 % sehen keinen vollwertigen Ersatz durch virtuelle Formate. Der Messeanteil am Marketingbudget bleibt hoch und weitgehend stabil. Das Signal ist eindeutig: Live schafft Beweis, Tiefe und Zugehörigkeit.

 

Verkleidete Frau auf Messe mit Smartphone in der Hand

Live-Events boomen. Ob Buchmesse, Gamescom oder Creator*innen-Treffen – Veranstaltungen mobilisieren Millionen.

(©istockphoto.com/webclipmaker)

Purpose und Politik: Zwischen Pathos, Provokation und Pragmatismus

Seit Mitte der 2010er-Jahre boomte „Purpose“ als Zauberformel der Unternehmenskommunikation. Marken überboten sich mit großen Mission-Statements und Bekenntnissen zu Nachhaltigkeit, Diversität und Inklusion. Und nicht ohne Grund: Laut Edelman Trust Barometer 2024 erwarten 63 % der Konsument*innen, dass Unternehmen gesellschaftliches Engagement zeigen. Wer Haltung zeigte, signalisierte Verantwortung, besonders gegenüber Gen Z und Alpha. Doch das Pathos hatte seinen Preis. Überhöhte Versprechen und eklatante Widersprüche – vom „Think Blue“-Narrativ bei Volkswagen während des Dieselskandals bis zum Purpose-, Green- und Pride-Washing ganzer Branchen – haben den Glauben an den moralischen Überbau der Marken erschüttert. Zurecht.

Darauf reagieren zwei Strömungen. Die eine: Post-Purpose-Pragmatismus. Hier geht es weniger um große Visionen, die die Welt retten sollen, sondern um kleine, überprüfbare Maßnahmen. Recycling statt Rettung, lokale Lieferketten statt Overpromise auf globaler Ebene, CO₂-Kompensation einzelner Produkte statt schein-grüner Gesamtkulisse. Konsument*innen, die des Purpose-Washings überdrüssig sind, entscheiden nüchterner: Preis, Funktion, Verfügbarkeit. IKEA zeigt, wie das aussehen kann – mit Rückkauf-Programmen für gebrauchte Möbel, Reparaturservices und Kreislaufwirtschafts-Initiativen. Keine große Rhetorik, sondern konkrete Services, die spürbar sind.

Eine wachsende Rolle spielt daneben auch die Politisierung von Werbung und Unternehmen. Marken geraten zunehmend zwischen die Fronten kulturkämpferischer Auseinandersetzungen – in den USA befeuert vom Trump-Umfeld, in Deutschland von rechtskonservativen Strömungen.

Das US-Unternehmen Cracker Barrel musste kürzlich nach dem Versuch, sein traditionsgeladenes Logo zu modernisieren, erleben, wie konservative Kund*innen dies als „zu woke“ attackierten; der Aktienkurs stürzte ab, Millionen an Marktwert gingen verloren und man ruderte beim Rebranding schließlich zurück. In Deutschland sorgte der Käsehersteller Milram jüngst mit einem neuen Verpackungsdesign für Aufregung. Stein des Anstoßes: Bunte Illustrationen, die Vielfalt und Zusammenleben zeigten – von unterschiedlichen Altersgruppen bis hin zu einer Frau im Bikini neben einer Frau mit Kopftuch. Was als sommerliches Gemeinschaftsbild gedacht war, wurde von rechten Kreisen als „wokes Statement“ attackiert und löste einen Shitstorm aus. Beide Fälle zeigen, wie Marken unfreiwillig zu Projektionsflächen politischer Lager werden – und wie selbst Gestaltungsentscheidungen zu kulturpolitischen Bekenntnissen stilisiert werden können. Wer Haltung zeigt, kann auch Kund*innen verlieren. Aber Neutralität wirkt zunehmend unglaubwürdig, unauthentisch oder schlimmstenfalls – irrelevant.

 

CrackerBarrel Logo alt und neu im Vergleich

Politik frisst Design. Das neue Cracker-Barrel-Logo verzichtete auf die Illustration in vermeintlicher "Südstaaten-Ästhetik". Die MAGA-Bewegung inkl. US-Präsident ging auf die Barrikaden. Eine Woche später war die Illustration zurück.

(©Cracker Barrel)

 

versch. Milram Design-Editionen

Für die einen: frisches und zeitloses Design. Für andere: ein Politikum an der Käsetheke.

(©Milram)

Zwischen Co-Creation und Exklusivität

User Generated Content und kein Ende in Sicht. Auch 2026 werden viele Marken gezielt auf Partizipation, authentische Markenbotschafter*innen in den Socials und Co-Creation, also aktive Markenmitgestaltung, setzen. Diese Konsument*innen sind dann nicht mehr nur Publikum, sie werden zu Akteuren und bestenfalls zu glühenden Verfechtern, zum „Tribe“ der Marken. Markenkommunikation wird auf TikTok und Co. notwendigerweise zum Common Good.

Doch auch die vermeintliche Demokratisierung der Markenführung hat ihre Gegenbewegung. Besonders im Luxussegment. Denn für Premium-Marken birgt der Kontrollverlust beim eigenen Narrativ ein immenses Risiko für die Exklusivität der eigenen Brand. Botschaften, Markencharakter und Kommunikationsziele verwässern. Zugespitzt: Masse entwertet. Und so schlagen einige Marken bewusst den umgekehrten Weg ein. In einem Rolex-Store kauft man keine Uhren, man lässt sich auf Wartelisten setzen. Exklusivität, Rarität und strenge Kuratierung erzeugen sozialen und emotionalen Wert – gerade bei Zielgruppen, die „Quiet Luxury“ oder limitierte Editionen bevorzugen. Hier geht es um geschlossene Erlebniswelten, Invite-only-Clubs und die bewusste Abgrenzung von dem, was alle haben und gestalten können.

Zwischen Agilität und Stabilität

Everything, everywhere, all at once. 2026 leben Marken in Echtzeit. Eine politische Entgleisung hier, ein Meme oder TikTok-Trend da, und dann verlobt sich plötzlich ein Popstar – jede Woche, jeden Tag gibt es unzählige neue Impulse, die medial aufbereitet werden wollen. Marken müssen schnell reagieren, Inhalte rasch anpassen und Kampagnen in Stunden statt Wochen produzieren, um relevant zu bleiben.

Im neuen Jahr nehmen das Tempo und die Taktzahl der Micro-Trends noch einmal zu. KI ist hier ein nützlicher Helfer, der auch kleinen Playern schnell und günstiger saubere Produktionen erlaubt. Der Cocktail aus TikTok und GenAI lässt den Strudel aus vermeintlich positionierungswürdigen Events jedoch zuweilen ins Unermessliche beschleunigen.

Experten prognostizieren, dass bis 2026 bereits rund 90 % des Web-Contents KI-generiert sein werden. Ein Phänomen, das als AI Slop bezeichnet wird, also massenhaft produzierte, oft niedrig qualitativ generierte KI-Inhalte, die überwiegend auf Reichweite statt Originalität abzielen. Dieser Boom birgt Risiken: Wenn KI zunehmend von KI lernt, droht ein „Modell-Kollaps“, der Originalität und Qualität schmälert, während gleichzeitig Markenintegrität und Nutzervertrauen durch manipulative oder minderwertige Inhalte unter Druck geraten.

 

versch. Bilder von Taylor Swifts Verlobung

Royal Wedding USA: Die Verlobung von US-Sängerin Taylor Swift mit Football-Star Travis Kelce schlug nicht nur große mediale Wellen, sondern hatte auch tausende Memes, Referenzen und Glückwünsche von Marken aus sämtlichen Branchen zur Folge. 

 

Parallel dazu: Stabilität, Beständigkeit und Entschleunigung werden als Differenzierungsmerkmal neu geschätzt. Slow Branding fordert, nicht jedem Windhauch nachzugeben, sondern Konsistenz in Markenführung, Design und Stimme zu wahren. So werden Halt und Wiedererkennbarkeit geschaffen, die in unsteten, unsicheren Zeiten durchaus ihren Wert haben.

Böhme Fruchtkaramellen: Klassische Kau-Bonbons

Böhme Fruchtkaramellen: Jede*r kennt sie, auch wenn nicht alle beim Namen. Ein Grund: Das Design ist und bleibt unverändert.

(©Böhme Fruchtkaramellen)

Im Vibe liegt die Wahrheit

Der Mainstream ist vielleicht größtenteils versiegt. Allerdings entspringt genau dort ein ganzes Delta an unterschiedlichen, verzweigten Strömungen. Willkommen in der Ära des Vibe-Marketings. Für Marken heißt das: „Mood over Message“. Nicht mehr Botschaften, Designs oder Funktionen stehen im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, eine Stimmung, ein wiedererkennbares Gefühl zu erzeugen. Das Ziel: Stimmungsräume und Identitätsangebote, die Zugehörigkeit stiften und dabei bewusst verletzlicher, unglatter, authentischer konzipiert werden. Vibe ist die konsistente atmosphärische Signatur einer Marke, eine Kombination aus Werten, Storytelling und Look and Feel. Der Vibe einer Marke wirkt überwiegend nonverbal, schafft in fragmentierten, nonlinearen Medienwelten Verbindung und Orientierung und dient als eine Art Stimmungsanker in einer Zeit der Komplexität. Anstelle linearer Geschichten treten „vibe-basierte Erzählungen“, deren Qualität sich daran misst, wie sie sich anfühlen. Statt nur auf einer Linie zwischen vermeintlichen Fronten, bewegen sich Marken so auf einem ganzen Spektrum mit den entsprechenden Schnittmengen.

Kurzum: Im Vibe-Marketing stellt sich nicht mehr die Frage, was die Marke eigentlich sagen will, sondern vielmehr, was bei den Menschen ankommen soll. Wer hier Stimmung schafft und einen Weg in Köpfe und Herzen findet, stiftet nachhaltig Zugehörigkeit.

 

Hornbach-Kampagnen-Headlines: Kein Projekt ohne Drama

Ehrliche, unglatte Heimwerker-Realität statt Heldengeschichten

(©Hornbach)

Dieser Artikel ist Teil unseres Trendspot 2026

Quellen

Publikationen:

PAGE, “Vibe versus Trend” (2025)

Bitkom, “Digitales Marketing in Deutschland 2025” (2025)

Edelman Trust Institute, “Edelman Trust Barometer 2024” (2024)

Online:

mckinsey.de

deloittedigital.com

wiwo.de

wuv.de

hornbach.at

mckinsey.com

de.ra.co

auma.de

 

Mandy ist extrem flexibel. Kein Wunder – die studierte Online-Marketing-Fachwirtin hat 13 Jahre Kunstturn-Erfahrung. So wundert es nicht, dass sie den Spagat zwischen mehreren Experten-Rollen problemlos wuppt. Neben Unternehmenskommunikation und Personalmarketing ist Mandy bei New Communication auch für Marketing-Strategie und SEO-Projekte zuständig. Ganz nebenbei mischt sie noch im Management-Team mit. Sportlich, sportlich …

Alex ist ein Mann mit vielen Talenten. Er ist Creative Director für Text. Berater für digitale Kommunikation. Uni-Absolvent in Geschichtswissenschaft und Philosophie. Vollblut-Nerd. Papa. Früher mal Song-Schreiber. Und noch früher ein Kind der 90er in Nordwestmecklenburg. Pures Glück also, dass er bei uns und nicht in einem Roman von Heinz Strunk gelandet ist.

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