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Enhanced E-Books – buchstäblich fantastischer Lesestoff

Ein bisschen fühlt es sich so an, als hielte ich eins von Harry Potters Schulbüchern in der Hand. Erst winkt mir der Protagonist der Geschichte fröhlich zu. Auf der nächsten Seite kann ich per Fingerwisch einen Orkan auslösen. Und schließlich poppen Klaviertasten auf und ich klimpere eine kleine Melodie. Die App zum Oscar-nominierten Animations-Kurzfilm „Die fantastischen fliegenden Bücher des Morris Lessmore“ ist meine erste Begegnung mit einem Enhanced E-Book. Dabei handelt es sich um elektronische Bücher, die neben der reinen Text/Bild-Version der Printausgabe multimediale Inhalte und interaktive Elemente bieten. Ich bin hin und weg. Und will mehr davon.

Zischen, wischen und routieren

Enhanced E-Books sind nicht komplett neu, lerne ich bei der Recherche im Netz. Aber noch gibt es nur wenig wirklich gute (deutsche) Exemplare in den E-Book-Stores. Wie bei jeder Neu-Erfindung stand am Anfang der Hang zur Übertreibung. Nach dem Motto „Was geht, ist gut“ überfordern die Verlage den Leser teilweise mit allzu vielen interaktiven Möglichkeiten. Es blinkt und tüdelt auf jeder Seite. Weniger ist aber auch bei Enhanced E-Books mit Sicherheit mehr. Das beweist zum Beispiel Ken Follets elektronische Version vom „Sturz der Titanen“. Neben einer Videobotschaft des Autors erwarten den Leser Landkarten, Stammbäume und Wikipedia-Links zu historischen Personen und Schauplätzen. Ein echter Mehrwert, der die drei Euro Extrakosten im Vergleich zur klassischen E-Book-Ausgabe absolut rechtfertigt.

Alle Macht dem Leser

So richtig interaktiv ist der Ken-Follett-Schmöker aber noch nicht. Innovativeres aus diesem Bereich stammt aus dem Hause Coliloquy. Der amerikanische Verlag hat sich auf digitale Publikationen mit Mitmach-Faktor spezialisiert. In jedem der zurzeit 13 Romane hat der Leser Mitbestimmungsrecht. Verlässt die Heldin ihren Freund? Flieht der Protagonist über einen Waldweg oder in die Höhle? Über wichtige Wendungen entscheidet der Leser per Fingertippen – und wählt so selbst, welchem Handlungsstrang er folgen möchte. Die Daten werden an die Autoren weitergeleitet und liefern wichtige Erkenntnisse über Leserwünsche. Bei den „Erotic Series“ darf die Leserin (die Zielgruppe ist eindeutig weiblich) vor Beginn der Lektüre sogar wählen, ob die Geschichte einen erotischen oder romantischen Schwerpunkt haben und wie stark die Körperbehaarung des Helden ausgeprägt sein soll – unter anderem.

Sachbücher mit Köpfchen

Mein Literatur-Geschmack ist eher klassischer Natur. Aber allein die Vorstellung, künftig beim Lesen eines nervenaufreibenden Thrillers plötzlich den Atem des Killers aus den Lautsprechern meines Tablets hauchen zu hören oder mich mit dem Finger über die Landkarten von Fantasy-Epen zu bewegen, versetzt mich in Verzückung. Doch auch fernab der Belletristik bieten Enhanced E-Books fantastische Möglichkeiten. So ergänzen insbesondere medizinische Verlage ihre E-Book-Versionen inzwischen vermehrt durch animierte und interaktive 3D-Grafiken – ein unschätzbarer Mehrwert für Studenten. Andere Lehrbücher beenden jedes Kapitel mit einem Quiz zum Überprüfen des Lernerfolgs. Bei falsch beantworteten Fragen wird das entsprechende Themengebiet automatisch wiederholt. Eine Chat-Funktion ermöglicht, sich mit Gleichgesinnten oder Experten auszutauschen. Und automatische lebenslange Updates sorgen gegen einen Aufpreis für garantiert aktuelle Versionen.

Eine wirklich sinnvolle Ergänzung bei der Schilderung komplexer Sachverhalte sind Videos. Ob naturwissenschaftliche Zusammenhänge, Yoga-Übungen oder Origami-Faltanleitung – Bewegtbild leistet oft bessere Dienste als starre Fotos. Bei Fremdwörter-Büchern dagegen bin ich dankbar für Ton – dann nämlich, wenn es um die korrekte Aussprache der Vokabeln geht.

Todesstoß für Print-Produkte?

Sind Enhanced E-Books mit ihren vielen neuen glitzernden Möglichkeiten das lang vorausgesagte Todesurteil für gedruckte Bücher? Trotz meiner anfänglichen Euphorie glaube ich das nicht. Schließlich kaufe ich mir auch nicht immer die DVD-Version mit Bonus-Material. Und so lohnt sich auch bei E-Books nicht immer das Upgrade auf die Enhanced-Version. Denn das ist mit Mehrkosten verbunden und wirkt, wenn es nicht zum Inhalt passt, eher störend als bereichernd. Letztlich schätze ich, wie die meisten Leseratten, auch das Gefühl eines „echten“ Buches in der Hand und finde, schön gestaltete Cover sind zu schade für die iTunes-Bibliothek. Ich gehe daher von einer friedlichen Koexistenz von Print-Produkten, E-Books und Enhanced E-Books aus. Das ist auch gut so. Denn manchmal reichen einfach nur Papier, Druckerschwärze und eine richtig gute Geschichte.