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Journalistische Darstellungsformen

Informierende Texte: Wie bringe ich meinen Inhalt am besten rüber?

„Welche grimmsche Märchenfigur verdankt ihr Leben der Schusseligkeit einiger Diener?“, liest Günther Jauch vor. Und ich feiere bereits: Eine Märchen-Frage! Damit kenn ich mich aus!

Als Antwortmöglichkeiten erscheinen:
A: Schneewittchen
B: Rapunzel
C: Dornröschen
D: Aschenputtel.

Ich sitze auf meiner Couch und fluche. Was für eine bescheuerte Frage. Wieso weiß ich das nicht?

Es war einmal … aber wie ging es weiter?

Märchen werden chronologisch erzählt. Am Anfang steht, was als erstes passierte – unabhängig von der Relevanz. An dramatische Höhepunkte wie Schneewittchens vergifteten Apfel erinnert sich zwar jeder problemlos. Dass jedoch am Ende der Geschichte die Diener beim Tragen des Sarges stolperten und so der vergiftete Apfel wieder aus Schneewittchens Rachen fiel – das bleibt aufgrund dieser Erzählform nur bei wenigen, engagierten Märchenlesern dauerhaft hängen.

In der medialen Berichterstattung werden Texte – je nach gewählter Darstellungsform – deshalb nach bestimmten Kriterien aufgebaut. Diese zu kennen hilft bei der Entscheidung, welche Textart sich für welche Inhalte am besten eignet.

Schneewittchen als Nachricht

Was ist wichtig? Journalisten und Redakteure stellen sich diese Frage bei jeder Meldung. Die berühmten „7 W’s“ geben Aufschluss (Wer, Was, Wann, Wo, Wie, Warum, Woher). Bei einer Nachricht gehören die für die Meldung relevanten Antworten auf diese Fragen in den sogenannten Lead, der aus den ersten Sätzen der Nachricht besteht:

Die totgeglaubte Schneewittchen erwachte auf ihrer eigenen Beerdigung wieder zum Leben. Sie wurde gerettet, weil die Sargträger stolperten und auf dem Weg zum Grab stürzten: Durch die Erschütterung löste sich ein vergiftetes Apfelstück aus dem Hals der Thronanwärterin. Es hatte die Todesstarre verursacht

Erst im nächsten Absatz folgt die Vorgeschichte mit den sieben Zwergen. Dabei gilt: Die Sätze werden nach ihrer Wichtigkeit sortiert. Durch diesen Aufbau ist der Text schon zu Beginn mit einer Fülle an Faktoren vollgestopft, die Menschen reizen, eine Nachricht aufnehmen zu wollen: Prominenz (Schneewittchen), Gefühl (erwachte zum Leben, totgeglaubt), Kuriosität (auf ihrer eigenen Beerdigung), Dramatik (Sturz der Sargträger, vergifteter Apfel).

Schneewittchen als Bericht

Für die sieben Zwerge ist im zweiten Absatz einer aktuellen Nachricht vielleicht noch Platz – doch wo bleiben bei dieser Form der Berichterstattung der verwunschene Spiegel, die böse Königin und der gutherzige Jäger? Wer nicht nur die Vor-, sondern auch die Vor-Vorgeschichte eines aktuellen Geschehens erzählen möchte, schreibt einem Bericht – den großen, reiferen Bruder der Nachricht.

Schneewittchen als Reportage

Die Nachricht liefert die Fakten. Die Reportage liefert Eindrücke – mit allen Sinnen. Ein Reporter ist jemand, der schildert, was er sieht und erfährt, was er hört und denkt, vielleicht sogar was er schmeckt und riecht, während er sich in einer bestimmten Situation befindet. Dafür zieht er los und berichtet anschließend in seiner Redaktion, was er an Eindrücken mitgebracht hat. Exakt das meint das französische Wort „reporter“ (= zurückbringen). Ein möglicher Einstieg:

Weiß wie Schnee liegt sie da. Blutrot ihre toten Lippen. Das schwarze Haar glänzt wie Ebenholz. Ich trete ganz nah an ihren edlen Sarg aus Glas heran. Fast wirkt es, als sei noch Leben in ihr. Plötzlich spüre ich eine knochige, harte Hand auf meiner Schulter. Ich rieche die frische Erde unter den Fingernägeln. „Treten Sie bitte beiseite“, sagt die kratzende, tiefe Stimme, die zur Hand gehört. Plötzlich ist mir kalt.

Auch die Reportage ist eine informierende Darstellungsform, die ein Ereignis ebenso objektiv abbilden muss, wie eine Nachricht oder ein Bericht – jedoch angereichert mit subjektiven Sinneseindrücken des Reportes.

Schneewittchen als Feature

Kann eine Königin gleichzeitig bösartige Mörderin sein? Wie viele Vergiftungsversuche an Prinzessinnen in spe hat es in den letzten Jahrhunderten wirklich gegeben? Was nach einer umfassend angelegten Reportage klingt, ist ein sogenanntes Feature. Ein Feature-Schreiber ist nicht nur Reporter. Zwar schildert er auch Erlebtes, aber nur zur Verdeutlichung dessen, was er eigentlich erklären und darstellen will – einen größeren, abstrakteren Zusammenhang. Die Headline eines Features, in dem Schneewittchens Fall zur Veranschaulichung dient, könnte lauten

Die böse Stiefmutter – Klischee oder Wirklichkeit? oder
Vom Altar auf den Thron – die Heirat in den Adelstand

Zurück auf Günther Jauchs Stuhl

Dieser Text berücksichtigt nur die informierenden, nicht die meinungsäußernden Darstellungsformen. Bereits klar ist jedoch: Zur Beantwortung der finalen Frage hätte ein Überfliegen der obenstehenden Nachricht gereicht. Sie ist übrigens kurios genug, um lange im Gedächtnis hängen zu bleiben. Auch in Ihrem. Sollten Sie eines Tages mit diesem Wissen auftrumpfen können (oder gar eine Million Euro gewinnen): gern geschehen!

Quellen:

„Einführung in den praktischen Journalismus“; Walther von La Roche; ISBN: 3-471-78043-2
„Schneewittchen“, Brüder Grimm