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Online-Petitionen – halbherziges Engagement oder mehr?

Die Zahl der Online-Petitionen in Deutschland wächst. Wir kennen das aus unseren Social-Media-Timelines: Unterschriften werden gesammelt gegen TTIP, Tierquälerei und GEMA. Oder für Kitas, Hebammen und faire Arbeits-Bedingungen.

Non-Profit-Organisationen und private Initiativen finden übers Netz und über Social Media neue Mitstreiter für ihre Sache. Das Angebot an Petitions-Plattformen ist entsprechend gestiegen. Vergleichbare aktuelle Zahlen zur Entwicklung von Petitionen und Unterschriften in Deutschland liegen zurzeit zwar nicht vor. Betrachtet man die Archive und Angaben der Plattform-Betreiber, bestätigt sich allerdings der Eindruck, den man auf Facebook gewinnt.

Die größten Petitions-Plattformen

Die wichtigsten Portale in Deutschland sind:

  • change.org
  • openPetition.de
  • avaaz.org
  • campact.de bzw. weACT
  • epetitionen.bundestag.de

Change.org ist die weltweit größte Petitions-Plattform mit 2,5 Mio. Nutzern in Deutschland. Von diesen beteiligten sich bisher fast 1 Million an einer erfolgreichen Petition, meldet Change.org. Auf der Plattform starten in Deutschland pro Monat durchschnittlich 390 Unterschriften-Sammlungen, von denen etwa 8 erfolgreich sind.

Auch auf openPetition kann jeder eine Petition erstellen. Bis Februar 2014 passierte das 7.409 Mal. Insgesamt kamen 9,5 Mio. Unterschriften zusammen. Da war die Seite erst knapp 4 Jahre alt. Aktuell laufen dort 439 Petitionen. Die erfolgreicheren sammeln 20.000 bis 30.000 Unterschriften, einige wenige sogar über 200.000.

Campact und avaaz konzentrieren sich auf wenige Aktionen. Die Betreiber wählen diese nach eigenen Kriterien aus den Vorschlägen ihrer Mitglieder aus. Campact hat Ende 2014 mit weACT aber auch ein Angebot geschaffen, bei dem jeder eine Petition starten kann. Derzeit laufen dort 205 Petitionen.

epetitionen.bundestag.de ist die Petitions-Plattform des deutschen Bundestags. Anders als die anderen Betreiber wirbt sie nicht für die Teilnahme an den Eingaben (z. B. per E-Mail). Die nötige Mindestzahl von 50.000 Unterschriften wird dort daher nur in Ausnahmefällen erreicht.

„Like mich am Arsch!“

Viel Aktivität also auf den Petitions-Plattformen. Aber was bewirkt das? Sind die Menschen inzwischen wirklich mehrheitlich so von Posts und Mitmach-Apellen genervt, wie die Band Deichkind es in ihrem Song „Like mich am Arsch!“ besingt? Oder entwickeln wir uns jetzt alle zu politischen Aktivisten? Keins von beiden.

Die Zahlen zeigen: Wir unterstützen gern eine gute Sache. Vorausgesetzt, die Schwelle ist niedrig und wir helfen von der Couch aus. Studien belegen: Menschen im Alter von bis zu 34 Jahren mit höherem Bildungsgrad nehmen an politischen Entscheidungen häufig genau so teil. Das verkünden sie auch gern in ihrem eigenen Netzwerk.

Slacktivisten – Engagement ohne Aufwand

Das bringt uns zu der – für Non-Profit-Organisationen – ernüchternden Seite der Medaille: Wer eine Unterschrift leistet oder den Aufruf dazu teilt, ist noch kein Aktivist. Die meisten Online-Unterzeichner engagieren sich nicht besonders und interessieren sich auch nicht für den Erfolg der Aktion. Häufig geschehen solche niederschwelligen Unterstützungen eher aus Gründen der sozialen Akzeptanz und Selbstdarstellung. Ein bisschen Aktivismus für die gute Sache beruhigt das eigene Gewissen – ohne großen Aufwand (Slacktivism). Und macht sich gut in der Timeline. Forscher sprechen daher von „Impression Management“.

Die erste Enttäuschung war groß, als Projekte mit mehreren 100.000 „Unterstützern“ nur bescheidene Spenden-Summen einwarben. Eine Petition gegen Völkermord und Vertreibung im sudanesischen Darfur sammelte von 2007–2010 über 1,2 Mio. Unterschriften auf Facebook. Diese vielen Unterstützer spendeten in dem Zeitraum aber nur 100.000 Dollar. Weniger als 1 % der Unterzeichner spendeten überhaupt. Eine konventionelle Fundraising-Aktion zum gleichen Thema sammelte parallel in wenigen Monaten das 10-fache.

Was Petitionen leisten können. Und was nicht.

Für mich ist die Lehre aus diesen Erfahrungen folgende: Petitionen sind ein gutes Instrument, um wichtige Entscheidungen zu erreichen oder zu verhindern. Naiv ist aber die Erwartung, dass die Unterzeichner zu aktiven Unterstützern werden. Die beschriebenen psychologischen Effekte lassen sich jedoch nutzen, um für eine Petition eine kritische Masse an Unterschriften zu bekommen.

Das reicht allerdings nicht. Denn auch Politiker und andere Entscheidungsträger kennen die Trägheit der Slacktivisten. Daher reagieren sie nicht automatisch auf eine große Zahl von Unterschriften. Eine erfolgreiche Petition braucht neben einer konkreten mehrheitsfähigen (!) Forderung vor allem einen definierten Adressaten. Und die Einbindung in klassische Massenmedien über geeignete PR. Wie dies gelingen kann, ist Thema des Artikels Non-Profit-Kommunikation: mit strategischen Kampagnen aus der Clicktivism-Falle.

Quellen:

Klick Dich gut!, Holger Bleich, c’t 2015, Heft 9

Online Mitmachen und Entscheiden – Partizipationsstudie 2014, Hendrik Send, Thomas Schildhauer, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, 6/2014

The Structure of Online Activism, Kevin Lewis, Kurt Grey, Jens Meierhenrich, Sociological Science, 2/2014

Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/OpenPetition, de.wikipedia.org/wiki/Petitionsausschuss_des_Deutschen_Bundestages

Change.org

openPetition.de

epetitionen.bundestag.de

avaaz.org

Deichkind