Ich habe einen Freund, der weist seine Kinder zurecht, wenn sie „aufmachen“ und „zumachen“ sagen. Das heißt „öffnen“ und „schließen“. Früher fand ich das kleinlich. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stimme ich ihm zu. Denn wer früh lernt, sich präzise auszudrücken, hat später den größeren Wortschatz.

Mach das Mäh mal Ei

Zugegeben: Gesprochene Sprache ist von Natur aus unpräziser als das geschriebene Wort. Da wimmelt es nur so von Hilfskonstruktionen. „Tun“ und „machen“ führen die Hitliste der Maulfaulheit an. Wir machen das Radio an, statt es einzuschalten. Machen sauber, statt zu putzen. Tun die Teller in den Schrank, statt sie dort hineinzulegen. In Extremfällen machen wir sogar das Mäh Ei (wenn wir ein Schaf streicheln), aber diese Formulierung scheint glücklicherweise auszusterben.

Präzision trainieren

Die Erklärung ist einfach: Im Eifer des Gesprächs liefert unser Sprachzentrum das am schnellsten verfügbare Wort. Beim Schreiben haben wir mehr Zeit und verpassen dem Text im Idealfall noch einen Feinschliff. Wer sich jedoch auch beim Sprechen angewöhnt, faule Verben durch präzise Begriffe zu ersetzen, macht das schon nach kurzer Zeit ganz automatisch.

Bilder statt Worte

Vor allem in der Schriftsprache lohnt es sich, bildreiche Ausdrücke zu wählen. Sie fesseln die Leserschaft und sorgen für Kopfkino. Ein einfaches Beispiel: Welcher Text packt Sie mehr?

  1. Traurig schaute Rieke aus dem Fenster. Es regnete. Weinend hielt sie immer noch den Brief in den Händen.
  2. Mit leeren Augen starrte Rieke aus dem Fenster. Der Regen prasselte gegen die Scheibe. Tränen strömten ihre Wangen hinab. Noch immer umklammerte sie den Brief.

Auch in der bildhaften Sprache geht es um Präzision. Statt des Oberbegriffs wählen wir ein Wort, das genau beschreibt, worum es geht. Apropos gehen: Niemand geht jemals einfach nur. Wir schleichen, schlendern, schreiten, schlurfen, stapfen, stöckeln, stolzieren. Und das sind nur die Synonyme, die mit S beginnen.

Halbgar: Füllwörter

Oft merken wir intuitiv, dass ein Wort zu schwach ist, um auszudrücken, was wir wirklich meinen. Füllwörter wie „sehr“, „ziemlich“ und „extrem“ sind jedoch nur halbgare Lösungen. Denn im Vergleich zu „Ich bin extrem müde.“ beschreibt „Ich bin erschöpft.“ meinen Zustand viel anschaulicher. „Sie war sehr sauer“ verblasst gegenüber der Beschreibung, „Sie brodelte vor Wut“. Und „Das ist eine ziemlich schlechte Idee.“ ist ungleich schwächer als „Was für eine Schnapsidee!“.

Bester Freund Thesaurus

Wenn bei der Suche nach ausdrucksstarken Alternativen nicht sofort Ideen sprudeln, ist Open Thesaurus eine gute Inspirationsquelle. Noch ergiebiger ist der Wortschatz Universität Leipzig. Einfach ein Wort ins Suchfeld eingeben und aus zahllosen Synonymen schöpfen. Dabei kommen oft fast vergessene Wortperlen zum Vorschein, die Texten ganz besonderen Charme und Eigenständigkeit verleihen. Meine aktuellen Lieblinge: bauchpinseln, liebestrunken und Knalltüte.

Vera Baastrup

Vera ist Creative Director bei New Communication. Die studierte Medien- und Literaturwissenschaftlerin ist Fachfrau für Textverständlichkeit und Kampagnen. Am liebsten würde Vera eine Kampagne gegen Friseur-Namen aus der Hölle starten. Bei Cut-Haar-Ina, Liebhaarber, Haireinspaziert und Co. stehen ihr nämlich jedes Mal die Haare zu Berge.

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