Wachsende Polarisierung in der Bevölkerung

Krisen wie die Coronapandemie erweisen sich als idealer Nährboden für realitätsferne Verschwörungsmythen. Der Konflikt zwischen verlässlichen Fakten und verzerrter Wirklichkeit führt zu einer dramatisch zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft.

Jede*r 5. Wahlberechtigte*r glaubt heutzutage, dass Politik und Medien die Gefahr durch das Coronavirus bewusst übertreiben, um die Öffentlichkeit zu täuschen. 1/3 der Deutschen neigt generell zu verschwörerischen Erzählungen. Das hat eine Umfrage des TV-Magazins Zapp ergeben.

Einer Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zufolge haben sich falsche Informationen noch nie zuvor so schnell und flächendeckend verbreitet und hartnäckig festgesetzt wie heute. 44 % der Befragten glauben, die Medien würden auf Druck der Regierung Tatsachen über das Coronavirus verschweigen. 54 % empfinden es als schwierig, zwischen Nachrichten und bewussten Falschmeldungen zu unterscheiden.

Woher kommt der Hang zum Absurden?

Verschwörungsmythen öffnen den Weg in vereinfachte und geschlossene Weltbilder. Fakten, die einem Mythos widersprechen, werden sogar in diesen integriert. So werden sie selbst Teil der Verschwörung.

Schnell festigt sich so ein generalisiertes Misstrauen gegenüber allen Gruppierungen, die als mächtig wahrgenommen werden. In den sozialen Netzwerken findet weiterhin eine gefährliche Vermischung von Klimawandel-Leugnung, Flüchtlingskrise, Apokalypse-Fantasien und Coronavirus-Mythen statt. Heute ist bekannt: Dienen soziale Medien als primäre Informationsquelle, fördern sie bei ihren Nutzer*innen den Glauben an Verschwörungsmythen.

Ist der Mensch generell auf Sensationen und Absurditäten programmiert? Oder hat die aktuelle Entwicklung andere Ursachen? Der Mensch wird primär von Emotionen geleitet. Frei nach dem Motto: Es fühlt sich richtig an, also glaube ich es. Das bedeutet: Eine*n Redner*in mit positiver Ausstrahlung hinterfragen Zuhörer*innen nach Ende des Vortrages kaum.

Dieses Verhalten analysiert auch die Netzaktivistin Katharina Nocun in ihrer Veröffentlichung Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. „Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man sich bewusst wird, dass wir alle Verzerrungen im Denken haben. Und dass wir alle in den meisten Situationen nicht rational handeln.“

Wie das Internet den Weg für Verschwörungs-Mythen frei macht

Falsche Nachrichten klingen für viele spannender als die Realität und verbreiten sich daher schneller als wahre News. Hinzu kommt der ökonomische Faktor, den auch Facebook nutzt: Um mehr Reaktionen zu erzielen, werden echte Nachrichten durch Schlagzeilen ersetzt. Denn was ärgert und aufregt, wird öfter angeklickt. Gründer Mark Zuckerberg bezeichnet dies ironischerweise als „Time well spent“.

Apropos Zeit. YouTube konzentriert sich nicht mehr auf die Optimierung von Views, sondern von Watchtime. Seitdem verstärkt gerade das weltweite Videoportal das Abdriften in radikale Sichtweisen.

Im Internet existieren zudem sogenannte Datenlücken von Algorithmen (engl. Data Voids). Radikale Gruppen können diese strategisch nutzen, um in freien Nischen neue Netzwerke zu etablieren. Bekannt ist auch, dass Algorithmen im Internet irrationale und realitätsferne Ansichten verbreiten oder Suchergebnisse jenseits von moralisch-ethischen oder sachlichen Bewertungen ausgeben. Die bekanntesten Entwickler*innen aus dem Silicon Valley äußerten sich darüber höchst besorgt in der Netflix-Veröffentlichung The Social Dilemma.

Zudem fördern Strukturen und Konzepte großer Apps wie Telegram die Bildung unabhängiger Gruppen. Dort kann man ungefiltert gefährliche oder unwahre Informationen teilen. Es bilden sich parasoziale Beziehungen und ein Zugehörigkeitsgefühl gegenüber Bewegungen, die angeblich Revolutionen in der Gesellschaft anstoßen. Am Ende richten sie jedoch nur Schaden an.

Eine eingleisige Nutzung von Medien, die auch von Querdenkern bedient werden, ermöglicht die Bildung rechter Versenkungen im Internet. Neben großen Plattformen wie YouTube und Telegram zählen dazu auch persönliche Blogs, alternative Foren oder andere fragwürde Webseiten aus entlegenen Ecken des Internets. Verschwörungs-Ideolog*innen nutzen dort gezielt Desinformation als Instrument zur bewussten Täuschung.

Desinformation erkennen und vermeiden

Wenn wissenschaftlich fundierte Fakten in Frage gestellt werden, treten immer wieder diese 5 Phänomene auf:

  • Einsatz von Pseudo-Expert*innen
  • häufige Logik-Fehler in der Argumentation
  • grundlegende Wissenschafts-Verweigerung (üblich bei rechtspopulistischer Gesinnung)
  • zusammenhanglose Fakten
  • Einsatz von Verschwörungs-Mythen

Wissenschaftlich erwiesen ist: Das Erkennen und Verstehen dieser Verzerrungstechniken im offenen Diskurs ist besonders wichtig, um Desinformation zu definieren und zu bekämpfen. Wer in seinem Alltag Informationen gezielt filtert, ist weniger anfällig für bzw. sogar immun gegen falsche Informationen.

Was Marketer*innen beachten sollten

In der Marketingwelt nimmt ein Phänomen zu: Marken und Unternehmen werden ungewünscht mit Verschwörungs-Erzähler*innen in Verbindung gebracht. Wie Menschen darauf reagieren? Das zeigt eine Online-Befragung des Meinungsforschungs-Start-ups Appinio:

70 % der deutschen Verbraucher*innen begrüßen es, wenn Einzelhändler*innen solche Produkte aus ihrem Sortiment nehmen. Kaufland und Vitalia haben z. B. die Produkte von Corona-Leugner und Vegankoch Attila Hildmann aus ihren Regalen entfernt.

70 % der Befragten finden es wichtig, dass sich Marken von Verschwörungs-Erzählungen und deren Verbreiter*innen klar distanzieren. Auch hier handelte Kaufland: Direkt nach dem Launch einer neuen Marketingkampagne trennte sich das Unternehmen von seinem Werbepartner Michael Wendler. Dieser stellte in den sozialen Medien die Corona-Pandemie in Frage.

Insgesamt gesehen ist die Marschrichtung für Marken und Marketer*innen im Umgang mit Verschwörungs-Erzähler*innen klar. Denn 3/4 der Befragten meinen: Prominente oder Influencer*innen, die öffentlich Verschwörungsmythen verbreiten, schaden den Marken, für die sie Werbung machen. Mit klaren Maßnahmen im Zuge eines vorbeugenden Krisen-Managements vermeiden Werber*innen und Unternehmer*innen, dass eine Marke mit Verschwörungsideolog*innen in Verbindung gebracht wird. Denn eine unglückliche Werbepartner*in-Wahl bewirkt womöglich einen Image-Schaden, der auch finanzielle Folgen mit sich zieht.

3 Tipps für Ihr Marketing

Vorausschauend und vernünftig werben

Bereiten Sie Werbemaßnahmen und die öffentliche Präsenz Ihrer Marke gewissenhaft vor. Eine politisch klare und weltoffene Haltung ist für Marken heute wichtiger denn je. Beziehen Sie bereits im Voraus Stellung gegen ideologische und moralisch unhaltbare Weltansichten – in Ihrer Unternehmensphilosophie. Hinterfragen Sie kritisch, ob Ihr*e Wunsch-Werbebotschafter*in auf lange Sicht ein*e reflektierte*r und verlässliche*r Partner*in ist.

Flexibel und dynamisch bleiben

Beobachten Sie aktuelle Entwicklungen in der Öffentlichkeit. Stellen Sie sicher, dass Sie flexibel und dynamisch entscheiden können. So können Sie schnell auf unvorhersehbare Entwicklungen reagieren. Bleiben Sie im Dialog mit Partner*innen und politischen Amtsträger*innen. Reagieren Sie, bevor eine Situation zu eskalieren droht: Je schneller und konsequenter sich Ihr Unternehmen von befremdlichen, pseudofaktischen Meinungen distanziert, umso geringer der Schaden für Ihre Marke.

Eine klare Haltung bewahren

Evaluieren Sie ehrlich und selbstreflektiert Situationen, in denen sich Ihr Unternehmen von fragwürdigen Personen oder Ansichten nicht (genügend) distanziert hat. Beweisen Sie Authentizität und Kompetenz. Denn eine öffentlich wirksame, vernunftgeleitete Haltung wird inhaltlich nicht so leicht durch Verschwörungsideologen ausgehöhlt.

Quellen:

computerwoche.de

ndr.de

t3n.de QAnon

zdf.de

deutschlandfunkkultur.de

uebermedien.de

pr-journal.de

medienvertrauen.uni-mainz.de

golem.de

netflix.com

wuv.de

t3n.de Wendler

wiwo.de

wuv.de Haltung

Mats ist New Communications Fachmann für Handelsmarketing und 3D/CGI-Projekte. Der studierte Betriebswirt ist wie gemacht fürs turbulente Werbe-Leben. Denn Stress und Hektik perlen von dem leidenschaftlichen Surfer ab, wie Wassertropfen von Neopren. Gleichzeitig weiß Mats, wie man Erfolgswellen reitet und hat ein untrügliches Gespür dafür, woher der Wind weht. Klare Kiste, dass Mats damit an Bord vom Strategie-Team ist.

Patrick ist Nachwuchs-Agent für Marketingkommunikation bei New Communication. Der gebürtige Nordhesse bereichert unseren Agentenkader mit Erfahrungen aus Gastronomie, Modehandel, Lehramt und Medienproduktion. Perfekt: So serviert er unseren Kunden fesche Trends, die Schule machen.

Mirko Strauchmann

Mirko gräbt und wühlt als Fachmann für Reputation Management und Social Media Monitoring in den Tiefen des Internets. Passt ja: Schließlich hat er Geschichte und Archäologie studiert. Außerdem verantwortet er das Wissensmanagement bei New Communication und versorgt seine Kollegen mit Insider-Infos für Konzepte und Marketing-Trends.

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