Eine Geschichte von Rückeroberung und Zugewinn

Wie wollen wir leben? Zukunftskompetenz ist die Fähigkeit, uns anzupassen. Sie beeinflusst unsere Entscheidungen von heute. Science Fiction gibt uns die Freiheit, mögliche Wege in die Zukunft zu entdecken.

Science Fiction damals

Was 1516 mit Thomas Morus’ Sozialutopie „Utopia“ begann, setzte Mary Shelley 1818 mit „Frankenstein“ und reichlich Medizinfantasie – Science Fiction eben – fort. Am Ende des 19. Jahrhunderts schufen der Franzose Jules Verne und der Brite Herbert George Wells unter dem Eindruck der Industrialisierung zahlreiche technologiegetriebene und gesellschaftskritische Meisterwerke. Vernes literarische Erfindungen sind im Laufe der folgenden Jahrzehnte Realität geworden. Dahingegen sind H. G. Wells’ Technikgeschichten und soziale Ideen auch heute noch weitgehend wissenschaftliche und gesellschaftliche Utopien – allen voran die „Zeitmaschine“.

Auf zwei Weltkriege folgten zwei Meilensteine der Weltliteratur: 1932 Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, 1948 George Orwells „1984“ – beide jeweils mit dystopischen Gesellschaftsszenarien. In den darauffolgenden Jahrzehnten machte der Amerikaner Isaac Asimov Science Fiction mit abenteuerlichen Kurzgeschichten Kino- und TV-fähig. Asimov war u. a. in den 1960er Jahren Berater für die Serie „Star Trek“ bzw. „Raumschiff Enterprise“ und entwickelte die noch heute gültigen „drei Gesetze der Robotik“. Im Jahr 1973 kam mit „Soylent Green“ – deutscher Titel „Jahr 2022 … die überleben wollen“ – die erste handfeste Dystopie in die Kinos: Das Lebensmittel Soylent Green wurde für die hoffnungslos überbevölkerte Erde aus menschlichen Leichen hergestellt.

1975 schuf Ernest Callenbach mit „Ökotopia“ den ersten ökologischen Zukunftsroman, der gleichzeitig das Ende der wunderbaren, problemvergessenen Abenteuer ferner Parallelwelten in weit, weit entfernten Galaxien bar technologischer Grenzen markierte. Willkommen im Hier und Jetzt.

Danach war Science Fiction gefühlt einige Jahrzehnte in der Nische der Comic- und Filmserien für Pubertierende und Nerds verschüttet. Immer mal wieder unterbrochen von wenigen Highlights. Vielleicht waren aber auch die zahlreichen billig und mit der hemdsärmeligen Filmtricktechnik der 50er, 60er und frühen 70er Jahre produzierten B-Movies Grund für das jähe Ende. Was der Science Fiction von damals fehlte, war ein Bezug zu unserer Welt und Gegenwart. Probleme wurden einfach übersprungen, früher war die Zukunft einfach nur besser. Es waren Märchen: zu weit weg – zeitlich, räumlich, inhaltlich.

Science Fiction heute

Heute, 50 Jahre nach Soylent Green und Ökotopia, scheint Science Fiction ihren kruden Ruf abgeschüttelt zu haben. Außerdem versöhnen moderne Stories oder Remakes und Fortsetzungen mit wirklich beeindruckenden, immersiven Special Effects.

Jetzt sind die Geschichten präzise Extrapolationen der Gegenwart in eine nahe Zukunft: „Black Mirror“. Philosophische Was-wäre-wenn-Szenarien: „The Philosophers“. Extrem gut recherchierte wissenschaftliche Fantasien: „Arrival“. Oder Themen mit ökologischem und sozialem Bezug: „Avatar“. Manchmal mit einer sehr großen Portion Fiction, aber immer mit einem Ursprung im Hier und Heute. Und auch wenn die Geschichten nicht immer ein Happy End haben, so zeigt die neue Science Fiction eher Möglichkeiten auf, die sich entwickeln können, als irgendwelche fernen utopischen oder dystopischen Status Quos darzustellen. Heute interessiert der Weg in die Zukunft, weniger die Zukunft selbst.

Science Fiction ist uns heute näher als wohl allen Generationen vor uns. Technologische Sprünge und weltweite soziale Veränderungen in immer kürzeren Abständen führen uns Transformation sehr bewusst vor Augen. Das futuristische Projekt „The Line“ ist die Vision eines 200 Meter breiten und 170 Kilometer langen, hypervernetzten Gebäudes bzw. einer Gigacity quer durch die Wüste Saudi-Arabiens. Es ist eine Vision, die alltägliche Fragen wie die Wasserversorgung nicht beantwortet – aber das macht Captain Kirk auch nicht. Science Fiction gibt uns Freiheit und Raum für mehr als Gedankenexperimente. Hier kann alles gedacht und inszeniert werden. Und die Science darin ist eben nicht mehr nur Naturwissenschaft, Phaser, Laser und Photonenantrieb. Science Fiction hat sich den Raum der Sozialwissenschaften zurückerobert und den der Kunst, der Philosophie, der Architektur, der Ernährung hinzugewonnen.

Die Lingua Franca unserer Zeit

Damit macht sie sich nicht nur für eine neue Art von Filmen interessant, sondern auch für Ausstellungen und Museen. Ekow Shun, Kurator an der Londoner Hayward Gallery fasst zusammen: „Fantasy, and science fiction in general, is the kind of lingua franca of our time.“

Ein Haus der Zukünfte

Das neu gebaute Futurium in Berlin ist eine faszinierende Mischung aus Museum der Zukunft und Panoptikum der Möglichkeiten in Sachen Städteplanung, Energie, Medizin, Zusammenleben, Ökologie, Mobilität, Ressourcen und vielen weiteren mehr. Es ist ein Ort der Erkenntnis von Selbstwirksamkeit und Labor zum Ausprobieren – es öffnet Denkräume, um uns fit für die Zukunft zu machen. Die Grenze zwischen Science Fiction und Realität wird zum Kontinuum.

futurium.de

Lutz ist Creative Director und Innovationsmanager bei New Communication. Seit Agentur-Gründung sorgt er für öffentliches Aufsehen mit wegweisenden Designs und Interfaces. Nebenbei lebt er seine Typographie-Leidenschaft aus. Definiert Corporate Designs. Leitet Kreativ-und Innovationsworkshops. Ist mehrfacher Fachbuch-Autor. Und generiert systematisch Ideen im Sekundentakt. Während Sie diesen Text lesen, waren es übrigens 15 neue.

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